Neuerscheinung

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Schlaf Engelchen

Händeringend bittet Professor Henecka um Hilfe, da er – ein unbescholtener Bürger – mit Drohmails überschüttet wird. Bei seiner Recherche stößt Kripochef Alexander Gerlach jedoch bald auf einen alten Fall, in den Henecka verwickelt war. Lisa, die beste Freundin seiner Tochter ist nach einer Geburtstagsfeier nie zu Hause angekommen, obwohl die beiden Familien nicht weit voneinander entfernt wohnten. Im nahe gelegenen Wald fand die Polizei nur eine Pappkrone des Mädchens – von Lisa fehlt bis heute jede Spur. Als Gerlach dann auch noch feststellt, dass Heneckas Frau ebenfalls spurlos verschwand, ist er sich sicher, dass der Professor nicht ganz so unschuldig ist, wie er behauptet ...

Buchinformationen

  • Oktober 2016
  • 1.Auflage: Oktober 2016
  • Piper Verlag, München
  • 416 Seiten / Klappenbroschur
  • 15,- Euro
  • ISBN: 978-3492060301 9978978-349206030178-3492060301 978-3-492-06018-9

Was die Presse sagt

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Leseprobe

Erster Tag – Montag, 4. Mai
Kapitel 1

 


Ich hatte wirklich schon bessere Tage erlebt. Der erste Mai war in diesem Jahr auf einen Freitag gefallen und hatte endlich Sonnenschein gebracht, nach dem nicht enden wollenden Aprilregen. Wie hatte ich mich auf ein ruhiges, extra­langes Wochenende gefreut ! Und nun ? Nun hatte ich Streit mit Theresa, Stress mit meinen Töchtern, immer neuen Ärger­ mit meiner Mutter – und das bittere Sahnehäubchen bildete mein geliebter, siebzehn Jahre alter Peugeot Kombi, der soeben mit Pauken und Trompeten durch die TÜV-Prüfung gefallen war. Eigentlich wäre die Untersuchung schon im April fällig gewesen, aber irgendwie hatte ich es nicht früher geschafft.
Heute aber, pünktlich um acht, hatten ich und mein braves Auto hoffnungsfroh vor den Toren gestanden, waren auch fast sofort drangekommen, der Prüfingenieur schien ein umgänglicher, besonnener Mann zu sein, lächelte wohlwollend und verlor sogar ein paar nette Worte über mein altes Auto. Das Lächeln war ihm im Verlauf der Untersuchung leider rasch vergangen : leckende Servolenkung, Ölverlust am Motor, angerostete Bremsleitungen und noch etwas höchst unschön und teuer Klingendes mit der Vorderachse. Der Prüfer war kein Unmensch. Er meinte es gut mit uns und gab mir den Rat mit auf den Weg, ich solle mich doch besser nach einem neuen Auto umsehen.
» Ihr Oldie da, das lohnt sich nie und nimmer «, hatte er gemeint, als er mir tröstend die Hand drückte. » Das ist ein Fass ohne Boden. « Er überreichte mir das Prüfprotokoll wie eine Sterbeurkunde und winkte sogar zum Abschied.
Allmählich zerrte auch die trockene Hitze, die Westeuropa seit Tagen in ihren glühenden Krallen hielt, an meinem Nervenkostüm. Dieser viel zu frühe, knisternde Hochsommer, der die Menschen nervös machte, aggressiv und unleidlich. Schon jetzt, um kurz nach halb neun, zeigte das Thermometer an der Czerny-Apotheke siebenundzwanzig Grad. Spätestens um zehn, halb elf würden wir wieder die Dreißig-Grad-Marke reißen. Da mein Auto nicht über so moderne Einrichtungen wie eine Klimaanlage verfügte, wurde mir schon während der Fahrt zur Polizeidirektion heiß und heißer, und ich verspürte nicht die geringste Lust auf Arbeit und Ärger im Büro. Louise und Sarah waren heute Morgen verachtungsvoll schweigend in Richtung Schule abgezogen, und seit meine Mutter nicht mehr bei uns lebte, war es plötzlich ungewohnt still geworden in unserer Wohnung. Beim Frühstück hatte ich mich regelrecht einsam gefühlt­, nachdem ich zuvor wochenlang gehofft hatte, sie würde endlich eine eigene Bleibe finden und uns wieder in Ruhe lassen.
Im Radio erklärte ein vermutlich selbst ernannter und ­widerlich gut gelaunter Meteorologe, die Ursache der un­gewöhnlichen Wetterlage seien wüstentrockene Winde aus Nordafrika.
Durch die heruntergekurbelten Fenster hörte ich, dass wenigs­tens einige Vögel sich über die Sonne freuten. Der Duft von Flieder und frühem Sommer wehte herein. Und der von Dieselabgasen. Vor mir tuckerte ein uralter Traktor mit Germersheimer Kennzeichen in Richtung Innenstadt und behinderte qualmend und knatternd den Berufsverkehr.
Ich versuchte, mich zu entspannen, nicht mehr an den TÜV zu denken und vor allem nicht an Theresa. Ich versuchte, meine Gedanken auf etwas Positives zu lenken, etwas, worauf ich mich freuen konnte. Aber das Einzige, was mir einfiel, war Lorenzo. Morgen Abend würde ich ihn endlich wieder einmal besuchen. Er würde für uns beide kochen, vielleicht spielten wir anschließend ein wenig Schach, wobei ich üblicherweise verlor, was mir aber nicht das Geringste ausmachte. Wir würden auf seiner Terrasse sitzen mit Blick auf die Heidelberger Altstadt, das berühmte Schloss, den im Abendlicht träge schimmernden Neckar.
Was die Arbeit betraf, bestand Hoffnung auf eine ruhige Woche. Der eine oder andere war schon in Urlaub, und die Hitze hatte aus Sicht der Kriminalpolizei immerhin den Vorteil, auch die Bösewichte unserer Gesellschaft kraft- und fantasielos zu machen.
Was ich in diesen Minuten allerdings nicht bedachte  : Nicht jeder Verbrecher ist ein Bösewicht. Nicht jedes Verbrechen geschieht aus Berechnung, nach einem genau kalkulierten Plan. Zu diesem Zeitpunkt hatte Alfred Leonhard, einer der reichsten, angesehensten und meistgehassten Männer der Kurpfalz, noch zwei Tage und sechs Stunden zu leben. Oft ist es ein Segen, dass wir unsere Zukunft nicht kennen.

 

Ein erster kleiner Lichtblick dieses Montags, der so niederschmetternd begonnen hatte, war die morgendliche Routinebesprechung. Das lange Wochenende sei weitgehend friedlich verlaufen, berichtete die Erste Kriminalhauptkommissarin Klara Vangelis. Auch sie schien heute nicht die Fitteste zu sein. Offenbar setzten selbst ihr, obwohl griechischer Abstammung, die hohen Temperaturen zu. Nachts konnte man nicht mehr richtig schlafen, und nach der morgendlichen Dusche war man schon wieder erschöpft.
» Das Übliche im Hochsommer «, begann sie ihren Bericht. » Betrunkene in der Altstadt, Betrunkene auf den Neckar­wiesen, der erste Badeunfall des Jahres, die traditionellen Samstagabendprügeleien und ein paar ungewöhnlich freche Taschendiebstähle bei der Maikundgebung des DGB am Freitag … «
Trotz der Wetterkapriolen war sie auch heute untadelig gekleidet zum Dienst erschienen. Nur das Grau ihres Kostüms und die Farbe ihrer Strümpfe schienen eine Nuance heller zu sein als sonst. Auch von den anderen Fronten – handgreifliche Familienkonflikte, Brände mit unklarer Ursache, Menschen, die keines natürlichen Todes gestorben waren – gab es erfreulich wenig zu berichten.
» Die einzigen Leichen, die wir hatten, waren Schnaps­leichen «, sagte sie abschließend und klappte ihr in braunes Leder gebundene Notizbüchlein zu. » Davon aber reichlich. «
Die Komasäufer schienen immer jünger zu werden und ihr Zustand, wenn sie in den Notaufnahmen der Kliniken abgeliefert wurden, immer beklagenswerter.
» Wenigstens ist bei Schnapsleichen die Täterermittlung nicht so kompliziert «, meinte Sven Balke grinsend, der neben­ ihr saß, seine durchtrainierten Beine von sich streckte und sich mit einigen Papieren lässig Luft ins Gesicht wedel­te. Obwohl er schon einige Jahre hier im Süden Deutschlands lebte, hörte man deutlich, dass er aus dem Norden stammte. Im Gegensatz zu mir machte er einen mit der Welt und seinem Leben zufriedenen Eindruck. Er steckte in den unvermeidlichen Jeans und trug dazu ein eng sitzendes T-Shirt, das die Rundungen seines muskulösen Oberkörpers nicht verheimlichte. Nirgendwo an seinem Körper schien es ein Gramm Fett zu geben. Am linken Ohr glitzerten Piercings im Morgenlicht. Balke war der heim­liche oder in manchen Fällen nicht ganz so heimliche Schwarm mancher jungen Kollegin. Bis vor wenigen Monaten hatte er mit Evalina Krauss Büro und Frühstück geteilt. Dann war jedoch irgendetwas vorgefallen, was dazu führte, dass die junge Oberkommissarin sich krank meldete und wenig später um ihre Versetzung in eine andere Dienststelle ersuchte. Seit Anfang April war sie nun in der Polizeidirektion Heilbronn tätig und ließ nichts mehr von sich hören.
» Zum Abschluss was Lustiges «, übernahm Balke mit selbst­zufriedener Miene. » Irgendein Knallkopf hat vergangene Nacht einen Porsche im Neckar versenkt. Einen fast neuen Neunhundertelfer mit Mannheimer Nummer. «
» Wie geht das denn ? « Es gelang mir, ein Gähnen zu unterdrücken. Meine beiden Mitarbeiter hatten das Wochenende über Dienst gehabt, während ich auf der faulen Haut gelegen und mich mit meinen Töchtern und diversen anderen­ Damen herumgeärgert hatte. Da konnte ich als Vorgesetz­ter nicht mit dem Gähnen anfangen. » An der Bundesstraße sind doch überall Leitplanken, oder irre ich mich ? «
»  Das geht nur mit voller Absicht «, erklärte er fröhlich. Sollte er etwa schon wieder eine feste Freundin haben ? » Er ist gar nicht auf der Bundesstraße unterwegs gewesen, sondern von der Uferstraße sozusagen falsch abgebogen. «
» Da ist doch eine Böschung. Und eine Hecke. Da gehen Treppen runter auf die Neckarwiesen … «
»  Die Treppen, genau. « Immer noch grinsend faltete er seine Papiere zusammen. » Ich bin vorhin selbst draußen gewe­sen und habe mir das Elend angesehen. Der Typ ist volle Kanne die Treppe runter, hat dabei den Auspuff ab­gerissen, ist über die Wiesen gebrettert und mit Karacho ins Wasser. «
» Was ist mit dem Fahrer ? «
» Verschwunden. Die Fahrertür war offen, als die Feuerwehr die Karre rausgezogen hat. Seine Leiche ist aber bisher nirgendwo angeschwemmt worden. Vermute, er ist ausgestiegen und an Land geschwommen. «
» Merkwürdiges Hobby. Hoffentlich wird das nicht Mode. «
»  Car diving. « Balke grinste immer noch, und ich beneidete ihn um seine gute Laune. » Jedenfalls war das definitiv kein Unfall, sondern Absicht. Nehme an, es war nicht seine Karre. «
Erneut übermannte mich um ein Haar eine Gähnattacke. » Irgendwelche Zeugen ? «, fragte ich, weil man als Chef der Kriminalpolizei solche Sachen fragt, um Interesse an der Arbeit seiner Mitarbeiter zu zeigen.
» Fehlanzeige. « Balke schüttelte kraftvoll den Kopf. Wo nahm der Mann nur seine Energie her ? » Das Ganze muss morgens zwischen drei und vier Uhr passiert sein. Die paar Leutchen, die um die Zeit noch auf den Neckarwiesen herumgelegen haben, waren alle zu besoffen oder bekifft, um noch irgendwas zu checken. «
» Ist der Porsche als gestohlen gemeldet ? «
Die Ringe in Balkes linkem Ohr blitzten und funkelten. » Rübe versucht gerade, den Halter zu erreichen. «
Rübe war Balkes Spitzname für Rolf Runkel, einen älteren Kollegen, dem wir allzu komplizierte Fälle nicht mehr zumuten mochten.
»  Geht aber nicht ans Telefon, der Herr Porschebesitzer, und die Handynummer, die wir von ihm haben, ist nicht mehr aktuell. Lars Scheffler heißt der Typ, übrigens ein Stammkunde von uns. Hat schon dreimal vor Gericht gestanden. Zweimal Verdacht auf Drogenhandel, jedes Mal Freispruch zweiter Klasse mangels Beweisen. Beim dritten Anlauf hat er dann immerhin ein halbes Jahr auf Bewährung gekriegt wegen schwerer Körperverletzung in Tateinheit mit Nötigung. «
» Vielleicht ein Racheakt der Konkurrenz ? «, spekulierte ich lustlos, obwohl es in der Heidelberger Drogenszene zurzeit erfreulich ruhig war.
Balke nickte und gähnte gleichzeitig. Nun konnte auch ich mich nicht mehr zurückhalten, und selbst Klara Vangelis musste heftig die Zähne zusammenbeißen, um sich keine Blöße zu geben.
» Dass dieser Scheffler seine Angeberkarre selbst versenkt hat, halte ich jedenfalls für ziemlich unwahrscheinlich «, sagte Balke.
Versicherungsbetrug, wollte ich schon vorschlagen. Aber so dämlich war wohl keine Versicherung, dass sie das bezahlte.
Durch die offenen Fenster hörte ich das Rauschen des Verkehrs auf dem Römerkreis. Eine Straßenbahn bimmelte empört. Eine Frau lachte hell. Eine andere schimpfte über die Radfahrer. Eine einsame Amsel sang tapfer gegen die unbarmherzige Sonne an, klang jedoch mehr nach Pflicht­erfüllung als nach Liebeswerben und Lebensfreude.
» Spricht was dagegen, dass Rübe das weiter bearbeitet ? «, fragte Balke in die Stille hinein. Dagegen sprach aus meiner Sicht überhaupt nichts, und damit war unsere Besprechung zum Wochenstart auch schon zu Ende. Die beiden erhoben sich und verschwanden durchs verwaiste Vorzimmer.
Sönnchen, meine unersetzliche Sekretärin, hatte mich in meinem Elend im Stich gelassen, um zusammen mit ihrem Verlobten und demnächst Ehemann zwei Wochen Urlaub zu machen. Irgendwo im Süden trieben die beiden nicht mehr ganz taufrischen Turteltäubchen sich herum, am Meer, wo es wahrscheinlich kühler und auf jeden Fall sehr viel angenehmer war als hier.
So musste ich mir meinen ersten Büro-Cappuccino des Tages notgedrungen selbst machen. Als der duftende Becher vor mir stand, nahm ich mein Handy und wählte die Nummer des guten Herrn May. Herr May betrieb in Wieblingen eine kleine KFZ-Werkstatt und hatte meinen Peugeot schon einmal vor dem Schrottplatz gerettet, nachdem andere, größere Werkstätten nur noch mitleidig lächelnd abgewinkt hatten. Herr May nahm jedoch nicht ab, und ich beschloss, es später noch einmal zu versuchen.
Dann machte ich mich an den Papierkram, dessen Erle­digung leider zu den Aufgaben eines Kripochefs zählt, und versuchte, weder an Theresa noch den TÜV zu denken. Einen­ ordentlichen Gebrauchtwagen hätte ich mir zur Not leisten können. Aber der Peugeot war mir über die Jahre ans Herz gewachsen, und seine Verschrottung wäre mir vor­gekommen wie die Ermordung eines lange gehegten Haustiers.
Sollte Theresa hoffen, dass ich anrief, um mich zu entschuldigen, dann konnte sie alt und zittrig werden in ihrem inzwischen so geliebten Schweden. Von wegen Schweden ! Nicht in das Land hatte sie sich ja verliebt, sondern …
Schluss !
Aus !
Auch ich hatte meinen Stolz, verflucht noch mal ! Ich zwang mich zu Disziplin und Konzentration, quälte mich von Unterschrift zu Unterschrift. Vernehmungsprotokolle, Urlaubsanträge, sogar ein Verbesserungsvorschlag lag auf dem rasch niedriger werdenden Stapel. Trotz Cappuccino wurden meine Augenlider schwer. Das bisschen Luft, das durch das offene Fenster hereinwehte, wurde von Minute zu Minute heißer. Ich erhob mich, um das Fenster zu schließen und die Rollläden herunterzulassen. Viel würde auch das nicht helfen, denn mein Büro lag im obersten Stockwerk der Heidelberger Polizeidirektion. Über mir befand sich nur noch ein sparsam isoliertes Flachdach, das demnächst zu glühen beginnen würde.

 

 

Kapitel 2


Um siebzehn Minuten nach neun schreckte mich das Telefon aus meiner Aktenschläfrigkeit. Um ein Haar hätte ich den Kaffeebecher umgeworfen, als ich nach dem Hörer griff.
» Bewaffnete Geiselnahme in Leimen «, berichtete eine Kollegin aus der Notrufzentrale in einem Ton, als hätten wir solche Fälle dreimal am Tag.
» Schlimm ? «
» Bisher weiß ich nur von einer Frau mit Schussverletzung. Die Meldung ist erst ein paar Sekunden alt. «
» Wer ist die Geisel ? «
» Keine Ahnung. «
» Die Verletzte ? «
» Keine Ahnung. Wollen Sie vielleicht mal zu mir runterkommen, Herr Gerlach ? «
» Wo genau in Leimen ? «
» In irgendeinem Industriegebiet. Ich suche gerade noch die Adresse auf dem Stadtplan. «
Ich ließ meinen Papierkram liegen, wie er lag, stürzte den letzten Schluck lauwarmen Kaffee hinunter und machte mich auf den Weg zur Einsatzleitzentrale ein Stockwerk tiefer ...